Gespräch mit Olaf Jacobsen

 

Freies Familienstellen in Köln

 

Die Fragen wurden im Januar 2011 von Ilka Baum gestellt, Köln-Mülheim

 

Olaf Jacobsen ist der Begründer des Freien Familienstellens und Bestsellerautor. Er lebt seit 2009 in Köln und möchte hier seine Methode des eigenverantwortlichen Aufstellens den Menschen nahe bringen. Mit dem Buch „Ich stehe nicht mehr zur Verfügung“ wurde Jacobsen deutschlandweit bekannt. Darin zeigt er einen wirkungsvollen und einfachen Ansatz, sein eigenes Leben zufriedener zu gestalten. Ich habe Olaf Jacobsen in seinem Domizil in Köln-Ossendorf besucht und mit ihm u.a. über das Phänomen des Aufstellens gesprochen. Und ich war erstaunt…

Olaf, du bist in Neumünster aufgewachsen. Wie bist du nach Köln gekommen?
Ich habe in Karlsruhe studiert. Es war nie meine Herzensstadt, sondern "nur" eine Übergangslösung. Ich hatte lange Zeit nicht so viel Geld, dass ich mir einen Umzug und einen Neuanfang in einer anderen Stadt leisten konnte. Doch dann durfte ich einen Bestseller schreiben: "Ich stehe nicht mehr zur Verfügung". Und nun standen mir die Mittel zur Verfügung, mir die Stadt auszusuchen, in die mich mein Herz zieht. Und das ist Köln.

Wie schön! Nun bist du da. Wie gefällt es dir hier?
Das erste, was mir aufgefallen ist, sind die offenen und freundlichen Menschen. In Karlsruhe waren die Menschen zwar auch freundlich, doch ich erlebte sie dort tendenziell konservativer. Köln empfinde ich fröhlicher und auch spiritueller.

Gibt es etwas Verbesserungswürdiges?
Was ich Köln bescheinigen muss, ist, dass Karlsruhe die besser funktionierenden Müll-Lösungen entwickelt hat (z. B. beim Sperrmüll). Köln geht sehr knauserig mit Müllbeseitigung um, so dass ich es hier als dreckiger empfinde. Grundsätzlich finde ich es aber bestätigt, dass mein Herz mich nach Köln gezogen hat, und ich freue mich, hier zu leben.

Du bist nun angekommen und bietest Freies Familienstellen in ganz Köln an. Unter anderem im MegaHerz in Köln-Mülheim. Was hat es damit auf sich?
Ich möchte Köln das Freie Familienstellen zeigen - und welches Potenzial sich dahinter versteckt, um damit sein Leben glücklicher zu gestalten. Aufstellungen kann man, außerhalb eines therapeutischen Rahmens, direkt im Alltag einsetzen: mit dem Partner, in der Firma, im Freundeskreis. Es ist ein großer Gewinn für die Menschen. Deshalb biete ich dies hier ab 2011 in sehr großem Stil an. Des Weiteren arbeite ich an Büchern und werde vielleicht irgendwann auch einen Film über das Freie Aufstellen veröffentlichen. Auch dazu wird mir die Stadt Köln eine Unterstützung sein.

Du hast das Freie Familienstellen begründet. Dazu auch Bücher geschrieben und in
diesem Zusammenhang dein erfolgreiches Werk „Ich stehe nicht mehr zur Verfügung“
veröffentlicht. Wie bist du dazu gekommen, denn eigentlich bist du studierter
Musiker…

Ersteinmal muss ich sagen, dass die Musik mit meinen Erkenntnissen nichts zu tun hat. Es lief immer parallel. Ich habe schon als Kind Klavier gespielt und hatte als Jugendlicher großes Interesse an psychologischen Zusammenhängen, Gedanken und Überlegungen. Dieses Hobby, über alles nachzudenken, zu analysieren und in mir selbst Blockaden und Hemmungen zu klären, hat mich auf einen großen und langen Erkenntnisweg geführt.

Also hast du schließlich deinen Beruf zum Hobby und dein Hobby zum Beruf gemacht.
Wie bist du auf das systemische Familienstellen aufmerksam geworden?

Ich habe 1996 ein Buch von Bert Hellinger gelesen, der das traditionelle Familienstellen als Therapie in Deutschland bekannt gemacht hat. Diese wird von Therapeuten geleitet und durchgeführt. Bereits beim Lesen bin ich auf den Gedanken gekommen, dass diese Methode ja auch ganz privat anwendbar ist - ohne therapeutische Begleitung.

Wie hat sich die Idee manifestiert?
1997 erlebte ich auf dem ersten Kongress für Systemische Aufstellungen sowohl Bert Hellinger, als auch viele andere Referenten, die sich mit den unterschiedlichsten Formen von Aufstellungen auseinandersetzten. Dabei bestätigte sich in mir das Gefühl: Es gibt noch eine weitere Möglichkeit, mit Aufstellungen umzugehen, die hier niemand anbietet. 2003 entwickelte ich dann das "Freie Aufstellen", bei dem jeder Teilnehmer ganz eigenverantwortlich seine Aufstellung selbst leiten kann. Außerdem darf er darüber bestimmen, wie damit umgegangen werden soll und was er für Schlüsse daraus für sein Leben zieht.

Um auf die Eigenverantwortung weiter eingehen zu können, möchte ich dich bitten das
Systemische Familienstellen zu erklären. Wie funktioniert das?

Der Begriff "System" kommt aus dem griechisch-lateinischen und bedeutet "Zusammenstellung". Wir Menschen benutzen das Wort, wenn wir eine Zusammenstellung von Elementen einheitlich beschreiben wollen. Bei einer Aufstellung wird immer eine bestimmte Gruppe von Elementen betrachtet, wie z.B. ein Familiensystem.

Und was passiert bei diesen Elementen?
Bei den Aufstellungen ist es so, dass ein Teilnehmer eine bestimmte Problematik mitbringt und aus der Gruppe andere Teilnehmer aussucht, die stellvertretend für einzelne Elemente oder Personen seiner Problematik stehen. Diese Stellvertreter entwickeln dann Gefühle, die denen der realen Personen ähneln. Es ist ein Phänomen. Dieser Punkt ist schwer zu begreifen. Man kann es vielleicht am ehesten mit Kindern erklären. Wenn es den Eltern nicht so gut geht, dann ist das Kind auch nicht so gut drauf.

Kannst du dies an einem Beispiel verdeutlichen?
Eine Frau hat beispielsweise Probleme mit ihrem Mann. Sie sucht sich zwei Leute in der Gruppe aus, die den Mann und sie selbst vertreten. Diejenigen müssen nicht mal etwas über die Thematik wissen. Die Stellvertreter erzählen nun von ihren Gefühlen. Und sie werden feststellen, dass die Frau zum großen Teil bestätigt, was bei den Stellvertretern passiert. Die Stellvertreter spiegeln intuitiv die Beziehung zu ihrem Mann wieder. Mit den auftauchenden Gefühlen kann sie nun Lösungsansätze erarbeiten.

Es klingt unglaublich. Das funktioniert?
Das Phänomen ist wissenschaftlich nicht erklärbar. Es existiert nur die jahrelange Erfahrung der Praktizierenden. Es gibt eine Resonanz-Ebene, auf der sich diese Gefühle widerspiegeln. Ich selbst mache seit ca. 8 Jahren Aufstellungen und habe vielfältige positive Erfahrungen damit gesammelt.

Was hat die Frau nun davon, dass sich z. B. der Stellvertreter des Mannes wie
ihr Mann fühlt? Welche Möglichkeiten entstehen daraus?

An dem Punkt, wo die Gefühle widergespiegelt werden, kann sie beispielsweise fragen: „Was würdest du denn jetzt brauchen, damit es dir besser geht?“ u.s.w. Man kann experimentieren und daraus neue Ideen und Erkenntnisse entwickeln.

Das ist interessant. Sie kann also, ohne ihren Mann direkt zu konfrontieren, Lösungen für die Situation ausprobieren.

Du bietest deine Arbeit in ganz Köln an. Wie funktionieren deine Veranstaltungen?
Wir beginnen mit einer kleinen Vorstellungsrunde, in der jeder seinen Namen mitteilt und ob er gern aufstellen möchte oder lieber erstmal nur zuschaut. Ich beschreibe kurz die Regeln des Freien Aufstellens und anschließend losen wir aus, wer aufstellen darf. Wenn jemand noch nie eine eigene Aufstellung durchgeführt hat, erkläre ich ihm, was und wie er es tun kann. Derjenige sucht sich dann aus der Gruppe Personen aus, die für bestimmte "Rollen" stehen und damit das Problem darstellen. Diese Stellvertreter fühlen sich dann in ihre Rolle ein und geben ein Feedback über ihre Gefühle. Diese Gefühle können wie gesagt oft sehr wertvolle Hinweise zur Lösung eines Problems bieten.

Das heißt es muss nicht jeder, der zur Veranstaltung kommt zwangsläufig aufstellen?
Keiner „muss“ aufstellen. Man kann auch einfach nur zuschauen. Und für die, die unbedingt aufstellen wollen, aber nicht ausgelost werden, gilt: Je öfter jemand zu einer Aufstellung "Freies Familienstellen" gekommen ist und nicht ausgelost wurde, desto eher kommt er dran. Denn man kann mit jeder Teilnahme Aufstellungspunkte sammeln - und wer die meisten Punkte mitbringt, darf aufstellen. Pro Abend stellt also immer einer auf, der die meisten Punkte hat, und mindestens einer, der ausgelost wird.

Um zur Eigenverantwortung zurück zu kommen, was bedeutet Freies Aufstellen im
Gegensatz zum systemischen Familienstellen, wie es nach Hellinger betrieben wird?

Das „frei“ bedeutet, dass die Teilnehmer frei entscheiden können, WEN sie WIE aufstellen. Normalerweise entscheidet das der Aufstellungsleiter. Ich habe 2003 einen Rahmen entwickelt, also Regeln aufgestellt, in dem man die Stellvertreter eigenverantwortlich für sich selber nutzt. Das hatte damals so noch nie jemand gemacht und ich bin sozusagen der Erste. Jetzt gibt es inzwischen immer mehr Aufstellungsleiter, die es ein wenig freilassen.

Warum bietest du das Freie Aufstellen an?
Ich erfahre immer wieder, dass man im privaten Rahmen das Aufstellen für alltägliche Probleme nutzen kann. Die positive Wirkung können Menschen so in ihrem Alltag nutzen, um Probleme auf eine andere Art zu lösen. Die Eigenverantwortlichkeit spielt hierbei eine zentrale Rolle.

Warum?
Das Freie Aufstellen ist ein Weg um Eigenverantwortlichkeit zu erlernen. Denn der Handelnde trägt die Verantwortung für sein eigenes Wohlergehen selbst. Der positive Effekt bei dieser Haltung ist, dass der Mensch so einen klareren Zugang zu seinem Selbstschutz und zu seinen Selbstheilungskräften bekommt. Er geht nicht mehr davon aus, dass jemand anderes das eigene Problem für ihn löst, sondern der Mensch wird aktiv, sich selbst zu helfen.

Wie definierst du dabei deine Rolle?
Ich möchte nicht, dass die Menschen Vertrauen zu mir als Leitender bekommen, denn ich bin kein Heiler, Arzt oder Therapeut. Sondern ich möchte eher Menschen ansprechen, die mit der Methode selbstständig etwas anfangen können. Menschen, die es einmal ausprobieren wollen. Ich will nicht, dass jemand denkt, ich kann ihm helfen. Jeder soll erfahren, dass er sich selber helfen kann. Deswegen nehme ich mich da ein wenig zurück. Ich zeige den Menschen, was sie aus einer Aufstellung rausziehen können. Ich zeige ihnen aber nicht die Lösung ihrer Probleme.

Dein Buch „Ich stehe nicht mehr zur Verfügung“ wird durch den Windpferd
Verlag herausgegeben und ist mittlerweile über 100.000 Mal verkauft worden. Ich
vermute es geht in dem Buch um Freies Aufstellen?

Ja, aber anders als vermutet. Ich habe hierbei einen alltäglichen Zusammenhang aufgegriffen. Ich habe realisiert, wenn ein Stellvertreter aus seiner Rolle heraus geht und nicht mehr zur Verfügung steht, dann hört seine Rolle und somit auch die Rollen-Gefühle auf. Das heißt, der Mensch hat keine Kopfschmerzen mehr oder fühlt sich nicht mehr unter Druck gesetzt u.s.w. Ich habe darüber nachgedacht, geforscht und erörtert, was passiert, wenn ich im Alltag nicht mehr zur Verfügung stehe.

Wie meinst du das?
Ich meine die Situation, in der du beispielsweise durch den Stress von jemand anderem angesteckt wirst. Wenn du dich dort emotional raus nimmst und sagst, „Nein ich stehe dir für deinen Stress nicht mehr zur Verfügung“, was passiert dann? Es fallen bestimmte Gefühle von dir ab und es geht dir besser. Darum geht es in dem Buch. Ich habe dieses Phänomen der Aufstellungen in den Alltag übertragen und mir überlegt, wo stehen wir uns eventuell selbst im Weg.

Warum tust du das? Bücher schreiben, Vorträge und Seminare halten…Welche
Motivation steckt dahinter?

Ich empfinde es so, im Laufe meines Lebens durch meine Erfahrungen und Überlegungen Sichtweisen gefunden zu haben, die mir eine große Klarheit, Sicherheit und viele glückliche Momente bieten. Dies möchte ich auch anderen Menschen zur Verfügung stellen.

Was wünschst du dir für die Zukunft?
Dass die Weisheit unserer Gefühle und damit auch das Potenzial des Phänomens "Freies Aufstellen" von vielen Menschen erkannt und genutzt werden kann - und es sich in vielen Zweigen unseres Lebens als wertvolles Werkzeug etabliert.

Vielen Dank und viel Erfolg!
Ilka Baum (Köln Mühlheim)

 

 

Inhaltsverzeichnis:

 

"Die Konsequenzen eines jungen Aufstellungsleiters", 2002
"Frei oder geführt?", 2005
"Das Potenzial zur Selbstentfaltung", 2006
"Missverstanden - Das freie Aufstellen ergänzt", 2006
"Frei ist nicht gleich frei", 2007
"Verstrickte Gefühle - Familienstellen hilft", 2007
"Familienprobleme - oft nur Theater?", 2008
"Wünsche wecken Wirkungen und Wertungen", 2010
"Interview mit Olaf Jacobsen - von Ilka Baum", 2011

"Das Potenzial der Freien Systemischen Aufstellungen" - PDF-Datei, 2011

 

 

 

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